02. Juli 2012 · 6 Kommentare · Kategorien: Open-Source · Tags:

Seit einiger Zeit bin ich bei Diaspora angemeldet. Im Dezember letzten Jahres gab es auch ein etwas längeres Zwischenfazit – nach zweiwöchiger Nutzung. Ich habe damals versucht, sowohl negative als auch positive Aspekte von Diaspora zu beleuchten. Was hat sich seit damals geändert?

Zuerst: Nicht sehr viel Positives

Zuerst möchte ich kurz ein paar positive Veränderungen ansprechen. So findet man auf Diaspora auch heute noch interessante Diskussionen von interessanten Menschen zu interessanten Themen. Diese beschränken sich aus naheliegenden Gründen meist auf die OpenSource-Szene – aber immerhin.

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Was ich noch erwähnen sollte wäre die Tatsache, dass die Performance auf dem größten öffentlichen Pod (joindiaspora.com) sich in den letzten Monaten ziemlich stabilisiert hat. Perfekt ist sie noch nicht, aber auf jeden Fall brauchbar.

Jetzt: Viel nicht so Positives

Das war es dann leider auch schon, mit dem Lobgesang. Nun möchte ich ein paar Dinge ansprechen, die mir, bzw. auch anderen Menschen in der Diaspora-Gemeinschaft, nicht so gefallen.

Zähe Entwicklung

Leider hängt Diaspora immer noch in der Alpha-Phase fest. Schon seit langem hört man immer wieder davon, dass mit den nächsten Änderungen die Beta-Phase des freien, sozialen Netzwerks eingeläutet werden soll. Allerdings scheint man bislang noch nicht so weit zu sein, die Software ohne den Aufkleber „nur ansehen, nicht anfassen“ ins freie Internet auszuwildern.

Ich weiß nicht, wie lange man auf eine „fertige“ Version von Diaspora noch warten will. Ich bin der Meinung, dass es besser wäre, relativ früh eine Software mit den wichtigsten Kernfunktionen auf die Nutzer loszulassen und dann nach und nach fehlende Funktionen nachzuliefern, als das Projekt „totzuentwickeln“.

Versprochene Funktionen fehlen weiterhin

Leider fehlen immer noch einige, eigentlich essentielle Funktionen, die Diaspora ausmachen sollten. So wirbt Diaspora immer wieder damit, dezentral zu sein. Keine Abhängigkeit von einem Betreiber, ein Netzwerk aus vielen größeren und kleineren Pods.

Zwar gibt es von Anbeginn die Möglichkeit, Diaspora auf einem eigenen Server zu installieren. Scheinbar – ich selbst habe es noch nicht ausprobiert – ist die Installation jedoch alles andere als ein Kinderspiel.

Was diese Freiheit und Unabhängigkeit allerdings erheblich einschränkt, ist das Fehlen der seit Anbeginn versprochenen Funktion, seine Daten von einem auf den anderen Server verschieben zu können. Erst die Möglichkeit eines einfachen digitalen Umzugs würde wirklich wirklich Dezentralität und Unabhängigkeit schaffen. Ansonsten bin ich, sofern ich die mein Konto auf einem öffentlichen Server einrichte (wie es die meisten Diaspora-Nutzer tun), vom Betreiber dieses Servers abhängig.

Schon seit Wochen fehlt außerdem die Möglichkeit, am heimischen PC mittels Cookie auch nach dem Schließen des Browser automatisch eingeloggt zu werden. Mit der neuen Anmeldeseite wurde diese Funktion ersatzlos entfernt. Das Problem ist bekannt, wird aber irgendwie nicht gelöst. Ich bin der Meinung, dass so etwas einfach wichtig ist. Grundfunktionen dieser Art können nicht einfach wochenlang fehlen, wenn man als Projekt ernst genommen werden will.

Auf eine öffentliche API, die es Entwicklern ermöglichen würde, Diaspora in Desktop-Programme oder andere Seiten und Dienste einzubinden, fehlt bis heute gänzlich. Warum? Man weiß es nicht.

Nutzer- vs. Entwicklergemeinschaft: Wohin soll der Weg führen?

Scheinbar gibt es recht unterschiedliche Visionen dazu, wohin der Weg von Diaspora führen soll. So spricht Finn in seinem Blog ein paar Dinge an, die ich hier auch kurz aufgreifen möchte:

So ist Diaspora zwar immer noch freie Software und kostenlos nutzbar, auf der anderen Seite arbeiten die Entwickler aber daran, ihr Unternehmen (Diaspora Inc.) auch finanziell profitabel zu gestalten. Nun haben diese natürlich gutes Recht, an ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Man sollte dabei aber beachten: Inwieweit werden potentielle freie Mitentwickler davon abgeschreckt (Warum für lau an einem kommerziellen Projekt mitarbeiten?) Wo soll das Geld herkommen? Ist das auf Dauer wirklich durch Spendengelder finanzierbar?

Ich weiß, dass eine demokratische Mehrheit nicht zwangsweise immer gute Entscheidungen trifft. Die Hauptentwickler müssen natürlich an das große Ganze denken – da muss man auch mal unbeliebte Entscheidungen treffen. Grundsätzlich sollte sich die Entwicklungsrichtung allerdings doch mit der der Community decken.

Was ich mir persönlich von einem freien, sozialen Netzwerk erwarte, wäre die Möglichkeit, Informationen einfach verbreiten und anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Außerdem möchte ich möglichst einfach neue Informationen entdecken und darüber diskutieren können.

So sieht die bereits vor längerem eingeführte Einzelansicht von Beiträgen oder anderen Inhalten zwar recht hübsch aus, das Lesen von Kommentaren und eine Beteiligung an der Diskussion wurde mit der Einführung dieser aber irgendwie verkompliziert.

Diaspora Einzelansicht

Eine andere, viel kritisierte Änderung war die Entfernung des Folgen/Entfolgen-Links einzelner Inhalte. So konnte man damit die Benachrichtigung über neue Kommentare individuell zu jedem Beitrag einstellen. Nun bekommt man nur dann eine Benachrichtigung, wenn man entweder auf „Gefällt mir“ klickt, oder selbst einen Kommentar zum entsprechenden Thema verfasst. Eine Möglichkeit, die Benachrichtigung wieder abzuschalten, gibt es überhaupt nicht mehr.

Die neue Gestaltung der Profile

In nächster Zeit (niemand weiß so richtig wann es soweit sein soll) wird die Profilansicht von Diaspora-Nutzern grundlegend geändert werden. Damit möchte man sich vor allem etwas von Facebook abheben (die derzeitigen Profile sehen so ähnlich aus, wie Facebook vor der Einführung der Timeline bzw. StudiVZ heute noch).

Neues Diaspora Profil-Design Live ausprobieren

Grundsätzlich ja ein guter Ansatz, allerdings gibt es ein paar Dinge, die ich nicht recht gelungen finde. Zum einen ist es wiederum recht kompliziert, an die Kommentare zu kommen. Zum anderen fühlt sich die neue Profilseite extrem zäh an und ist unübersichtlich. Der Spaß daran geht recht schnell verloren. Möglicherweise mag das Ganze mit einem Profil voller Bilder ja auch noch ansprechend aussehen. Bei reinen Text-Profilen wird’s aber dann etwas zu chaotisch.

Quo vadis Diaspora?

Bleibt die Frage, wohin der Weg von Diaspora in Zukunft führen wird. Der Bedarf nach einem freien, unabhängigen zentralen Netzwerk besteht definitiv. Freiheit alleine wird allerdings nicht reichen, um aus Diaspora ein erfolgreichen Projekt zu machen. Die Entwickler müssen sich ein paar Dinge überlegen:

  • Wen soll Diaspora ansprechen bzw. welche auf welche Zielgruppe zielt Diaspora ab?
  • Welche Funktionen sind für diese Zielgruppe wichtig, welche nicht?
  • Wie frei soll Diaspora sein und in welchem Ausmaß tut eine Kommerzialisierung dem Projekt gut?
  • Inwieweit sollte die Nutzergemeinschaft ein Mitspracherecht haben und welche Entscheidungen müssen von oben herab getroffen werden?

Was meint ihr? Ist Diaspora auf einem guten, oder einem Irrweg? Nutzt ihr Diaspora persönlich und welche Funktionen fehlen euch bzw. gefallen euch nicht?

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6 Kommentare

  1. Es ist wie mit der Piratenpartei (verrückt).
    Entweder sie reißen ihren Arsch auf und machen die Sache richtig und finden einen Weg wie sie das realisieren, was sie ursprünglich vorhatten, oder sie passen sich an und versiegen in der Analogie mit dem Rest.

  2. Ich bin mit einigen Designentscheidungen von Diaspora unzufrieden und finde, einige der Entwickler sind arrogante Arschlöcher, dennoch ist es das einzige soziale Netzwerk (sofern man Twitter nicht als ein solches bezeichnet), das ich mangels Alternativen einigermaßen häufig nutze.

  3. Tja, du sprichst mir aus der Seele. Ich möchte endlich mal wieder zu Freunden sagen können „Hey, meld dich bei Diaspora an, das ist toll und frei usw…“.
    Im Moment erwähne ich Diaspora höchstens und sage nur, dass generell freie und dezentrale Netzwerke die einzig wahre Alternative sein können. makr.io kennst du glaube ich auch schon, oder?

    Hier ein Beispielsbeitrag: https://makr.io/p/200

    Sieht ja nett aus, aber oh nein… Ich will doch nicht nur Bilder posten, wofür hat man denn eine Tastatur? Darum habe ich auf meinem Pod auch wieder die Beta Profile (war eh nur bei 2 Nutzern aktiv) deaktiviert. Es gibt immer noch keine Möglichkeit, mit den neuen Profilen Nachrichten zu verschicken bzw. zu erhalten und, abgesehen vom Ruckeln, sieht es eigentlich nur mit vielen Bildern nett aus. Wie man sieht, bin ich eher ein Freund des Textes und zusammen mit den rosa und orangenen Farben sieht mein Profil dann wirklich seltsam aus…

    Ich habe auch mal kurz Friendica ausprobiert, aber da gibt es einige Sachen, die mich stören. Trotzdem sollte Diaspora sich gerne ein paar Sachen von Friendica abschauen, wo ist denn das Problem? Wenn man unbedingt einzigartig sein möchte, kann das auch nach hinten losgehen. Verdammt, mir gefällt Diaspora und hoffentlich wendet sich das noch zum Guten. Auf GitHub war im master branch in letzter Zeit auch nicht viel los.

  4. Pingback: Facebook verändert E-Mail-Adressen in Kontaktdaten | picomol.de

  5. Pingback: Good bye, Diaspora | seeseekey.net

  6. Ich finde Diaspora eine tolle sache, das neue Design gefällt mir sehr gut!
    Mit vielen Fotos sieht es stark aus, fordert aber wie es scheint ein wenig mehr Leistung. Das Design laggt leider. Aufgrunddessen, dass es 4 Spalten gibt in dennen ich kram reinposten kann.. Text und Bilder, geht die Chronologie flöten. Ansich eigentlich ganz cool, es kommt mehr so wie ein Steckbrief rüber oder doch eher wie ein unsortierter Schreibtisch. Wer nur Texte hat, da wird es ganz einfach hässlich. Der Benutzer sollte vllt. selber entscheiden können wie viele Spalten er haben möchte im Profil. Leute die dann übermäßig Bilder posten, können ja dementsprechend entscheiden. Leute die mehr Text posten nehmen dann halt nur ein oder zwei spalten ggf. fällt dann der angezeigte Text besser aus, weil er mehr Platz hat, da ja nur zwei spalten?

    Ich denke mal, dass die es etwas unglücklich designed wurde…
    …nicht so 100% durchdacht. Das profilbild hätte auch besser die Seite füllen können=?

    Man hätte ja das Profilbild wie es in der runden Form ist etwas größer machen können und nach rechts oder Links verschieben können. Und daneben erscheinen dann -wenn gewollt- informationen wie Geburtstag oder sonstiges… halt mit mehr liebe zum detail.

    Wie auch immer ich in etwas entäuscht von der Leistung des systems und die fehlende API fine ich sehr schade. OpenSource entwickler hätten da doch Arbeit abnehmen können und eine schöne NICHT WEBBASIERTE Android app schreiben können, was im endeffekt sogar noch mehr Leute locken könnte. Gerade weil die Geräte so verbreitet sind vllt. sogar vorinstalliert bei einem hersteller?

    Ich werde das Projekt weiter im Auge behalten und hoffe, dass das Design bald kommt ich will es nämlich haben ^^ Ich finds toll. Ich hoffe halt man hat da einige „Customfunktionen“ um sich auch von anderen Profilen noch abzuheben.

    mfg

    Michael

  7. Pingback: Diaspora-Community in Aufbruchstimmung | picomol.de

  8. Zuviele intellektuelle Arschlöcher beflügeln das Linksextreme Netzwerk.

  9. Die Software als solches ist Genial. Die User bilden schlussendlich das Netzwerk, und von denen sind leider viel zu viele arrogante hochnäsige Arschlöcher darunter. Sorry , ist leider so. Kein Vergleich mit ECHTEN Freunden bei Facebook und co. 😉

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