Als ich vor mehreren Jahren von Windows zu Linux wechselte, gab es für Linux zwei große Desktop-Umgebungen. KDE und Gnome. Ich testete beide, wobei mir Gnome gar nicht gefiel, ich mit KDE aber sehr gut zurechtkam. Gnome wirkte altbacken, während KDE 3.5 einen ziemlich modernen Eindruck machte. Ein bisschen überladen vielleicht, aber immerhin konnte man sich alles so einstellen, wie man es gerade wollte. Für mich war KDE der klar „bessere“ Desktop, doch dann, ja dann, entschieden sich die Entwickler mit KDE 4 etwas Neues, etwas ganz anderes zu entwickeln. Man wollte den Desktop neu erfinden.
Und gerade dieses – wir machen jetzt alles anders – war wohl der größte Fehler, den KDE je in der Geschichte des Projektes gemacht hat. Während Gnome weiterhin halbjährlich ihre kleinen Verbesserungen und Fehlerkorrekturen hervorbrachte und sich der Desktop durch kleine, schrittweise Verbesserungen des bereits Bestehenden langsam, langsam zu einem attraktiven, aufgeräumten und flotten Desktop mauserte (Evolution), entschied sich KDE für die komplette Revolution. Alles neu, von Grund auf! Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Desktopumgebung, die zugehörigen Programme, einfach alles musste neu programmiert und designt werden.
Was waren die Folgen?
- KDE 3.5 wurde nicht mehr weiterentwickelt, KDE 4 war lange, sehr lange Zeit nicht ausgereift. Selbst die aktuelle Version, KDE SC 4.4 gilt für mich schlichtweg als unbenutzbar. Und in genau dieser Zeit, verbesserte sich der Gnome-Desktop stark, so stark, dass zahlreiche KDE-Nutzer (z.B. ich) zu Gnome wechselten und sich an das schlichte, aufgeräumte und professionell wirkende Äußere gewöhnten. So stark daran gewöhnten, dass ein Wechsel zurück auf KDE nicht mehr in Frage kam.
- KDE ist bis heute langsam und zäh. Der Work-Flow leidet unter der Zähheit des Desktops. Fenster ruckeln wenn man sie verschiebt, das Öffnen des Hauptmenüs dauert zu lange, das Erscheinungsbild insgesamt wirkt unprofessionell. Auch wenn jetzt einige denken, dass das nicht die Schuld von KDE sei, sondern die Schuld der Grafikkartentreiber. Egal – sowas interessiert den Ottonormalverbraucher nicht.
- Man hatte mit KDE 4 die Möglichkeit, den Desktop zu entrümpeln. Weg mit unnötigem Schnick-Schnack. Nur das, was wirklich nützlich ist, sollte drinnen bleiben. Nun, das tat man auch. 4.0 hatte zwar zahlreiche Fehler, hatte aber was von einem aufgeräumten Desktop. Doch dann machte man das, was man bereits mit KDE 3 falsch gemacht hatte. Mit jedem neuen Release bekam der Desktop neue Einstellungsmöglichkeiten, neue Menüs und neue Funktionen. Es gibt mehr Schaltflächen als je zuvor. Freaks wird es freuen, den Normalbenutzer wohl eher weniger.
- Kaffeine, Amarok und Co. mussten von Grund auf neu entwickelt werden. Während Kaffeine inzwischen wieder benutzbar ist und dabei die KDE 4er Version wahrscheinlich besser dasteht als ihr Vorgänger, ist Amarok weiterhin unbenutzbar. Das Design ist lächerlich und hat nichts mehr von dem früheren Vorzeige-Musikplayer unter Linux. Unzählige Knöpfe und Menüs, trotzdem fehlen wirklich wichtige Funktionen gänzlich.
Das KDE-Projekt hat eine sehr gute Community, zahlreiche Entwickler und ist technisch gesehen sicher auf der Höhe der Zeit. Was fehlt, sind Feinheiten. Wichtige Feinheiten. Es kommt einem irgendwie vor, als hätte das Projekt keine Führung. Jeder kann das entwickeln, was er gerade will – und das kommt dann auch in den Desktop. Ganz egal ob die Funktion benötigt wird oder nur Verwirrung stiftet. KDE wirkt wie eine Spielwiese für den wirklich alltagstauglichen Desktop unter Linux, nämlich Gnome.
Anmerkung: Der Beitrag soll das KDE-Projekt nicht schlecht machen und keinen Flamewar auslösen. Ich möchte nur die Mängel aufzählen, weshalb ich persönlich (und vielleicht auch so manch anderer) die KDE SC im Moment nicht benutzen kann.
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