In letzter Zeit denkt man bei Ubuntu ja über eine Veränderung des Release-Zyklus nach. Ubuntu-Mitarbeiter Scott James schlug vor, den Zeitraum zwischen der ein und anderen Version von einem halben Jahr auf einen Monat zu verkürzen. Ubuntu wäre dann praktisch Rolling Release, es gäbe nur mehr eine Ubuntu-Version, die regelmäßig erneuert werden würde. Ich finde die Idee interessant, schließlich käme der Benutzer schneller in den Genuss neuerer Software. Was für mich feststeht: Der Release-Zyklus muss wirklich verändert werden, entweder in die eine oder in die andere Richtung. Was ich genau damit meine, werde ich in diesem Artikel erklären.

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Probleme mit der aktuellen Versionspolitik

Aktuell erscheint alle 6 Monate eine neue Ubuntu-Version. Diese wird 18 Monate mit Aktualisierungen versorgt. Jede vierte Ubuntu-Version wird eine sogenannte Long Term Support (LTS)-Version. Ubuntu LTS-Versionen werden im Gegensatz zu normalen Ubuntu-Versionen 3 Jahre lang mit Updates versorgt.

Das Problem der aktuellen Versionspolitik: Nach der Veröffentlichung erhält das Betriebssystem nur mehr Aktualisierungen für kritische Fehler und Updates zur Schließung von Sicherheitslücken. Neue Versionen der Anwenderprogramme kommen normalerweise nicht in die Paketquellen. In der letzten Zeit ist man von dieser strikten Versionspolitik ein Stück weit abgerückt. So erhält man seit Ubuntu Natty auch automatisch neue Versionen der verbreiteten Browser eingespielt.

Ubuntu Logo

Das Problem: Ubuntu-Software ist bald mal veraltet. Erscheint zum Beispiel eine neue Version des Musikplayers Banshee, muss der Anwender entweder auf die nächste Ubuntu-Version umsteigen oder sogenannte PPAs (Personal Package Archive) verwenden. Sowohl die eine, als auch die andere Möglichkeit, sind für technisch nicht sehr affine Menschen möglicherweise nicht zu überspringende Hürden. Neuere Versionen und die darin enthaltenen Verbesserungen bleiben den Benutzern verwehrt.

Welche Möglichkeiten gibt es also, das Problem zu lösen? Mir fallen spontan zwei Varianten ein.

Variante 1: Kürzere Release-Zyklen

Genau diese Möglichkeit hat Scott James vergangene Woche angesprochen. Ubuntu erscheint einfach öfter und wird dann monatlich auf die neue Version aktualisiert. Damit kommt man als Anwender schneller zu neuen Programmversionen und eine Aktualisierung auf die nächste Version sollte, im Gegensatz zur aktuellen Variante, aufgrund relativ weniger Änderungen, weniger problematisch sein.

Kurze Release-Zyklen haben also durchaus Vorteile – allerdings haben sie auch Nachteile. Beispielsweise werden dabei nicht nur Anwenderprogramme, sondern auch Betriebssystemkomponenten und ähnliches aktualisiert. Das heißt im Endeffekt, dass die regelmäßigen Updates im Verhältnis zu heute ziemlich groß ausfallen werden. Eine schnelle Internetverbindung ist wahrscheinlich ein Muss und der Vorgang der Aktualisierung dauert länger als heute.

Muss man diese Möglichkeit in Kauf nehmen, oder gibt es bessere Möglichkeiten zur Lösung des Problems?

Variante 2: Längere Release-Zyklen, aber …

Das Problem kann meiner Meinung nach auch gelöst werden, wenn man in die entgegengesetzte Richtung lenkt. Man könnte die Dauer eines Versions-Zyklus‘ auch verlängern. Dabei würde Ubuntu nur alle ein oder zwei Jahre erscheinen, was einige Vorteile (z. B. weniger Versionen und damit besserer Support, längere Unterstützung, weniger Updates) mit sich bringen würde. Allerdings müsste man dazu die Versionspolitik verändern.

Das System längerer Release-Zyklen wäre nur dann sinnvoll, wenn man Ubuntu in „Betriebssystem“ und „Anwenderprogramme“ aufteilen würde. Die Pakete des Betriebssystems blieben über den Zeitraum einer Ubuntu-Version, also ein oder zwei Jahre lang, stabil. Anwenderprogramme würden dagegen regelmäßig eine Aktualisierung auf die neue Version erfahren. Passend finde ich den Vergleich mit Android.

Android-Nutzer erhalten ständig neue Versionen der installierten Programme und das, obwohl sich das Betriebssystem selbst normalerweise über längere Zeit nicht ändert. Programme werden so lange aktualisiert, wie diese die installierte Android-Version unterstützen.

Soweit meine Meinung. Was denkt ihr? Aktueller Zyklus, kürzerer Zyklus, Android-Variante oder ganz was anderes?

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10 Kommentare

  1. Also ich persönlich finde eine Verkürzung der Release-Zyklen für unangebracht, da ich mir daraus folgend ein ziemlich großes Chaos vorstellen kann. Ich finde diese 6 Monate schon immer Recht kurz und würde die zweite von dir beschriebene Möglichkeit sehr befürworten. Das hört sich vernünftiger an, und auch einleuchtender für den Endnutzer (der ja schon lange nicht mehr der Experte sein muss).
    Ich fände hier ein Interval von einem Jahr recht angebracht, jedoch müsste man eben wie erwähnt die Versionierungspolitik anpassen.

    Mich persönlich stört es aber auch ein wenig, dass neue Programmversionen quasi nur über PPAs beziehbar sind (außer natürlich bei Firefox o.Ä. von Canonical gepflegten Anwendungen).

    Ich bin sehr gespannt darauf, wie man sich einigen wird.

  2. Die zweite Variante klingt sehr interessant. Da kann man dann auch mal wieder mit dem Versuch koppeln, sich mehr Arbeit mit Debian zu teilen. Nicht nur in Bezug auf den Kernel…

  3. Mir fehlt ein bisschen die Erklärung, wo das Problem liegt. Wo ist das Problem, wenn ein Nutzer nicht immer die neueste Software hat? Warum muss ein Nutzer die neueste Banshee-Version installieren, sobald diese erscheint?

    Sind dir die Vorteile dieses Modells – des stabilen Releases – bewusst (für Anwender und für Admins/für Unternehmen)?

    Die zweite Variante klingt toll, nur ist sie realitätsfern. Wo soll diese Grenze liegen? Anwendungsprogramme haben Abhängigkeiten, die mit aktualisiert werden müssen, wodurch dann alte Programme nicht mehr laufen und die Trennung nicht funktionieren kann. Selbst der Kernel kann Änderungen haben, die sich direkt auf Programme auswirken und benötigt werden – man kann da nicht einfach eine Grenze ziehen.

  4. Ich finde, dass es jetzt mit den Zyklen von 6 Monaten optimal ist. Aber vielleicht könnte man in der Aktualisierungsverwaltung zusätzlich ein paar neue Versionen regelmäßig erscheinen lassen.

    Gerade bei komplexen Programmen sollte man bei neuen Versionen mit Fehlerkorrekturen dem Nutzer ermöglichen, zu aktualisieren.

    Unter meinem Natty aktuallsierte sich LibreOffice nie. Auch auf externen PPAs und im Daily-Build von Oneiric wird auch nicht immer die aktuelle genutzt.
    Um dieses Problem zu umgehen habe ich mir jetzt ein Script erstellt, bei dem ich nur noch die aktuelle Version von der Website laden muss und dieses dann im selben Ordner ausführen.

  5. Das Problem liegt darin, dass ein Anwender, der gerne aktuelle Software einsetzt, die Stabilität seines Systems mit PPAs aufs Spiel setzen will oder mindestens halbjährlich auf eine neue Version des Betriebssystems setzen will (was nie ganz unproblematisch ist).

    Gruß Valentin

  6. PS: Zum zweiten Teil: Irgendwo muss die Grenze halt gezogen werden. In Android funktioniert das ja schließlich auch. Natürlich werden Anwendungen nicht auf alle Ewigkeit mit der Distribution kompatibel bleiben, das ist klar.

  7. Hi
    Also ich fände ein Rolling Release am besten das die gesamte Software immer auf dem Aktuellen stand upgedated wird. Bin jetzt auch vor ein paar Tagen mal Test weise auf Arch Linux umgestiegen. Diese Release Politik würde ich mir für Ubuntu auch wünschen. Also feste Version komplett abschaffen und dann halt ab und an eine Snapshot veröffentlichen.

  8. Ich hatte den Eindruck, dass in Android das System gesetzt ist, und neue Anwendungen über den Markt gegen eine bestimmte Android-Version geschrieben werden. Das wäre dann keine vollwertiges Ökosystem und hätte das Problem nicht, weil Libs dann eben nicht aktualisiert werden würden.

  9. Hallo Valentin,
    ich nutze seit ein paar Wochen Arch Linux und bin mit der Updatepolitik des Rolling Releases sehr zufrieden. Man muss das System nicht immer neu installieren und man kann sicher gehen, dass das System nach einem Update auch wirklich auf dem neuesten Stand ist.
    Allerdings muss ich auch zugeben, dass dadurch Probleme auftreten könnten. Zum Beispiel machte ich ein Update von GNOME und nach einem Neustart wurde die DE nicht geladen, weil das Paket „gnome-session“ nicht installiert sei. Nachdem ich das von Hand erledigte, funktionierte es wieder. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich das Paket deinstalliert hatte. Aber ich kann auch nicht mit Sicherheit sagen, dass das mit dem Update zusammenhängt. Vielleicht hat das ja einen ganz anderen Grund…

    Also ich bin eher für neue Software und das Rolling Release.

    Ubuntu sollte, meiner Meinung nach, mindestens eine Möglichkeit schaffen, damit Anwendungsprogramme wie Firefox oder Thunderbird oder Gimp, etc. über den Paketmanager aktualisiert werden können und das ohne PPA!
    Wie wäre es, wenn man zwei Versionen anbietet bzw. die Server-Version bzgl. den Updateintervallen verändert, sodass ein Update pro Jahr veröffentlicht wird? Aber dafür gibt es doch den LTS?! Demnach gäbe es ja keine Probleme für Server, sehe ich das richtig?
    Bei der normalen Version für den „normalen“ Nutzer könnten Updates schneller angeboten werden.
    Gruß DSIW

  10. Ich halte auch von diesen kurzen release zyklen nicht viel, dass sehe ich vor allem bei Firefox und Thunderbird. Vor allem habe ich die befürchtung dass dann die Addons die ich benutz in der neuen Version nicht mehr unterstützt werden und in wie weit dann die ältere Version mit Updates unterstützt wird.
    Ich benutze z.B. immer noch Firefox und Thunderbird in Version 3 unter Ubuntu 10.10 und es gibt Gott sei Dank immer noch Updates und die Frage ist dann eben, für wie lange.

    Dass gleiche Probleme sehe ich auch bei Ubuntu, vor allem wie gut und stabil läuft dann die neue Version. Seit Version 10, hatte ich nähmlich immer wieder Probleme. Die erste Version 10.04 lief bei mir überhaupt nicht, erst mit den Update auf 10.04.1, aber auch mit Fehler sprich Abstürze.
    Ich hab dann gleich danach auf Ubuntu 10.10 ein Update gemacht und es lief dann besser, auch mit ein paar Desktop abstürze am Anfang, aber es hat sich gebessert und vor allem durch reglmäßige Updates läuft es auch stabiler.
    Ubuntu 11.04 und 11.10 habe ich auch schon probiert, leider noch mit Grafik Probleme.

    Wenn ich jetzt so mir die ganze Probleme so anschaue seit Ubuntu 10, frage ich mich warum ich nicht bei Ubuntu 9.10 geblieben binn, weil die wirklich stabil lief, ohne Probleme.
    Deswegen frage ich mich auch warum nicht lieber eine Version, länger unterstützen und sie schritt für schritt verbessern, anstatt das jedes Jahr eine neue Version erscheint, die meine Meinung nach noch nicht ganz fertig ist, das sehe ich vor allem bei Ubuntu 11.
    Neue Programmversionen kann man immer im laufendem System integrieren, z.B. durch den Software Center. Eine neue Ubuntu Version kann man dann z.B. in ein 2-3 Jahres Zyklus rausbringen, so wie mann des auch von den LTS Versionen her kennt.

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