Das einstige Vorzeigeprojekt Compiz liegt auf dem Sterbebett und wartet. Es wartet auf den Tod, der kommen soll, um es abzuholen. Aber werfen wir zuerst einen Blick auf die Vorgeschichte.
Früher war alles besser
Im Januar 2006 wurde das von Novell entwickelte Compiz der Öffentlichkeit vorgestellt. Rasant stiegen andere Firmen und auch freie Entwickler beim Projekt ein. Es entwickelte sich eine Community um das Projekt, die spannende, teils zugegebenermaßen teilweise auch sinnlose, Plugins und Erweiterungen zum Projekt beitrug.
Im September 2006 spaltete sich eine freie Entwicklergemeinde vom Hauptprojekt Compiz ab und nannte den Fork compiz-quinnstorm, welcher später in Beryl umbenannt wurde. Das Projekt entwickelte sich recht schnell, enthielt bald eine Unmenge an Erweiterungen und bekam sogar einen eigenen, sehr mächtigen, Window-Decorator (Emerald). Sowohl Beryl als auch Emerald waren sehr gut konfigurierbar, auch ich selbst durfte ziemlich lange damit rumspielen. Nicht wenige PC-Nutzer dürften aufgrund der spektakulären Screenshots damals von Windows zu Linux gewechselt sein. Compiz löste damals einen „Haben-will“-Effekt aus – auch bei mir.
Im Sommer 2007 entschieden die Entwickler dann, Compiz und Beryl wieder zu vereinigen. Die beiden Projekte fusionierten zu Compiz Fusion und machten von nun an gemeinsame Sache. Compiz Fusion sollte in vielen Linux-Distributionen zum Standard-Fenstermanager werden. Ubuntu gehörte zu den ersten Distributionen, die Compiz Fusion (kurz Compiz) standardmäßig in aktiviertem Zustand ausliefern sollten.
Sieht man sich die Google Trends zu dieser Zeit an, entdeckt man, dass Compiz und Beryl hier in aller Munde waren. Es war die Hochphase des Projekts. Von nun an sollte es steil bergab gehen.

Der Absturz
Martin Gräßlin, Entwickler des KDE-Fenstermanagers KWin, schrieb heute in Google+ folgenden Satz, der die aktuelle Situation rund um Compiz meiner Meinung nach ziemlich passend beschreibt:
Compiz is in my opinion a classic example of a project being killed by it’s own success. The ideas they brought to the Linux desktop are carried along by Mutter and KWin and by that obsoleting the need for Compiz. For a generic project it’s just impossible to compete with the highly integrated systems provided by the GNOME and KDE communities.
Der große Erfolg wurde dem Projekt wohl selbst zum Verhängnis. Nachdem sowohl GNOME als auch KDE angefangen haben, ihre Desktopumgebungen mit modernen Fenstermanagern auszustatten (Mutter bzw. KWin), verlor das Compiz-Projekt immer mehr seine Daseinsberechtigung. Die Community wurde kleiner, heute gibt es diese „Community“ praktisch gar nicht mehr.
Die Portalseite auf compiz.org wurde seit Jahren nicht mehr aktualisiert. Im früher sehr belebten Community-Forum herrscht tote Hose. Daran ändern auch hunderte Viagra-Spamartikel nichts.
Liegt Compiz auf dem Sterbebett?
Martin Gräßlin verlinkte in seinem Google+-Post auch auf einen Phoronix-Artikel mit dem Titel: „Is Compiz On Its Deathbed?„. Etwas eingeschränkt, kann ich die Frage mit „ja“ beantworten. Compiz ist zwar noch nicht tot, aber Compiz ist eine Insellösung. So richtig weiterentwickelt wird Compiz nur mehr von bezahlten Canonical-Entwicklern. Und so richtig überzeugt scheinen die da auch nicht von ihrem Projekt zu sein. Der Chefentwickler Sam Spilsbury veröffentlichte vor ein paar Wochen in seinem Blog unter dem Titel „Apology“ einen Artikel, in dem er unter anderem schrieb:
Over the past few years, I have promised a new direction for the compiz project. I promised that with the new backing we’d see a revival in development, and increased stability.
I have failed.
I have failed the compiz community.
I have failed the Ubuntu community.
I have failed the previous maintainers.
Despite my best efforts, stability has gotten worse, and I feel as though I can’t even get the simplest things right for the project anymore.
Klingt nicht sehr positiv, was da steht – schon gar nicht wenn sowas vom Chefentwickler persönlich kommt. Auch die über 300 aufmunternden Kommentare können wohl nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass das Projekt gewisse, sehr schwerwiegende Probleme hat.
Wiederbelebung durch Ubuntu
Vor etwa einem Jahr entschied man sich beim Ubuntu-Projekt Unity, das damals auf GNOMEs Fenstermanager Mutter basierte, zu Compiz zu portieren. Dass diese Entscheidung nicht nur falsch, sondern vor allem total-extrem-katastrophal kurzsichtig war, zeigt sich nun. Compiz ist zwar immer noch sehr anpassbar, aber im Vergleich zu anderen Fenstermanagern wie KWin oder Mutter technisch nicht auf der Höhe der Zeit.
Heise.de schrieb vor kurzem einen sehr interessanten Artikel, in dem ein Problem Canonicals angesprochen wird: Kann ein Distributor, in diesem Fall Canonical, eine Insellösung wie Unity und Compiz wirklich auf Dauer etablieren? Auf jeden Fall wird das für Canonical noch ein hartes Stück Arbeit, denn Insellösungen haben im OpenSource-Umfeld meist sehr schlechte Karten. Gute Aussichten auf Erfolg haben im Umfeld freier Software meist die Projekte, die von vielen unterschiedlichen Firmen und Menschen auf breiter Basis unterstützt werden. Zu denen gehört Unity mit Sicherheit nicht und Compiz auch mit Sicherheit nicht mehr. Auf jeden Fall müsste Canonical mehr Ressourcen dafür investieren, dass Unity und Compiz für andere Projekte „wiederverwertbar“ wird. Compiz hat seit langem keine stabile Version mehr veröffentlicht, und Unity scheint auch nicht wirklich einfach in andere Distributionen integrierbar zu sein, wie Jürgen von bitblokes.de heute passend zusammengefasst hat.
In meinen Augen ist Compiz steht Compiz vor dem Abgrund. Dass Canonical das Projekt vor einem Jahr von dem Untergang „gerettet“ hat, war wohl eher eine Wiedergeburt auf Zeit. Es ist schade um das Projekt, da es dem Linux-Desktop zu seinen Hochzeiten wirklich gut getan hat. Leider aber scheinen diese nun vorbei zu sein. Mach’s gut Compiz!

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