Ich habe mich sehr über die Nachrichten rund um die Einführung der Ubuntu Web Apps gefreut. Web und Betriebssystem sollen in Zukunft teilweise ineinander verschmelzen und Online-Applikationen sollen sich so wie lokale Anwendungen verhalten. Der Schritt Canonicals war meiner Meinung nach längst überfällig. Online-Anwendungen, neudeutsch auch Web Apps genannt, gewinnen zunehmend an Bedeutung und durch moderne Web-Technologien wie HTML5 und Co. wird dieser Trend in Zukunft noch verstärkt werden.

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Stand heute: Inkonsistenz und nicht genutzte Funktionalität

Die Software-Welt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. War es früher noch notwendig, nach der Installation des Betriebssystems dutzende Programmen nachzuinstallieren, reicht heute eine Hand voll dieser aus. Das wichtigste Programm ist heute für sehr viele Nutzer der Webbrowser, mithilfe dessen bereits ein großer Teil der benötigten Aufgaben erledigt werden kann.

Der Trend weg von lokalen Anwendungen und hin zu Web-Anwendungen, brachte aber auch einige Nachteile mit sich. So werden zum Beispiel Funktionen, die vom Betriebssystem oder der Desktopoberfläche bereitgestellt werden, einfach nicht genutzt. Ein Beispiel dafür ist der vom Betriebssystem bereitsgestellte Mechanismus zum Wechseln zwischen den Programmen.

Desktopoberflächen bieten verschiedene Methoden an um zwischen Anwendungen zu wechseln. Online-Tools bleiben aber außen vor.

Es gibt Taskleisten, Docks und Übersichtseiten. Sie werden von der jeweiligen Desktopoberfläche bereitgestellt und sollen einen Wechsel zwischen den Anwendungen so einfach und schnell wie möglich machen. Diese Funktionalität wird mit dem zunehmenden Einsatz von Online-Anwendungen allerdings auch immer weniger genutzt. Online-Anwendungen haben gar nicht die Möglichkeit solche Funktionalitäten zu nutzen und tun es deshalb auch nicht. Stattdessen stellt der Browser Tabs bereits. Der Wechsel zwischen Anwendungen erfolgt also in zwei Ebenen; zwischen den Desktopprogrammen und zusätzlich zwischen den Browser-Tabs.

Ein weiteres Problem: Benachrichtigungen. Praktisch jede Desktopoberläche bringt ein Benachrichtigungssystem mit, welches Anwendungen die Möglichkeit gibt, auf konsistentem Weg den Nutzer über bestimmte Ereignisse, zum Beispiel eingegangene E-Mails, zu informieren. Online-Anwendungen können bis heute nicht wirklich auf diese zugreifen – die vorhandene Funktionalität wird nicht genutzt.

Ubuntu Web Apps: Ein erster, guter Schritt

Für alle diejenigen, die das Vorstellungsvideo zu den Ubuntu Web Apps noch nicht gesehen haben, stelle ich es hier nochmal rein. Man sieht ganz gut, was bereits geht, aber auch, was noch nicht besonders gut gelöst ist.

Wie man im Video sehen kann, nutzen die Online-Anwendungen die Funktionalitäten des Betriebssystems schon gut aus. So ist es etwa möglich den Cloud-Musikdienst last.fm wie lokale Anwendungen über den Sound-Indikator zu steuern. GMail benutzt das in Ubuntu integrierte Nachrichtensystem wie eine lokale Anwendung.

Was mir noch nicht gefällt ist die Tatsache, dass Web Apps in einem normalen Browser-Fenster geöffnet werden. URL- sowie Tab-Leiste sind eigentlich nutzlos und sollten meiner Meinung nach ausgeblendet werden. Die Funktionalität wird nicht benötigt, sondern verwirrt eher.

Wo ich mir noch nicht ganz sicher bin ist die Frage, ob die derzeitige Umsetzung sinnvoll ist. Soweit ich es nämlich richtig verstanden habe, bieten die Ubuntu Web Apps nämlich keine öffentliche API an, die die Online-Anwendungen dann nutzen können. Viel mehr „holt“ sich das System die Informationen ganz selbstständig von den jeweiligen Seiten. Das verhindert natürlich, dass Webseiten das System ausnutzen, zuspamen und vermindert das Sicherheitsrisiko. Auf der anderen Seite haben die Online-Anwendungen bzw. deren Entwickler keinen Einfluss darauf, welche Informationen an den Desktop weitergeleitet werden und welche nicht. Außerdem: Was passiert, wenn eine Online-Applikation umgebaut wird und Benachrichtigungen plötzlich nicht mehr funkionieren? Wie schnell kann das System aktualisiert werden? Wie können unbekannte oder kleinere Online-Anwendungen die Ubuntu Web Apps nutzen?

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10 Kommentare

  1. Wäre schön, wenn das in Zukunft mit der Funktionalität von Fogger verschmelzen würde.

    Fogger verwende ich seit wenigen Tagen, in meinem Fall mit einem Task-Manager Web-Tool (todoist.com). Lässt sich aber auch z.B. super für EverNote, Facebook, Twitter, Google+ usw. einsetzen. Mit Hilfe von selbstdefinierten JavaScripts lassen sich damit auch Notifications realisieren.
    siehe http://www.omgubuntu.co.uk/2012/07/fogger-aims-to-bring-integrated-web-apps-to-ubuntu?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+d0od+%28OMG!+Ubuntu!%29&utm_content=Google+Reader

  2. Ohne API wäre das ja wohl blöd: http://developer.ubuntu.com/api/ubuntu-12.04/javascript/index.html

    Ein Sicherheitsrisiko ist das nicht. Es gibt schon lange APIs für OS-Benachrichtigungen. Der Browser fragt dann einfach einmalig, ob eine bestimmte Website Zugriff haben darf. Ähnliches kennt man auch von der Vollbildanfrage und so.

  3. Danke für die Richtigstellung. Der Artikel aus deinem Blog zur Umsetzung passt hier auch rein: http://sgaul.de/2012/07/22/ubuntu-integriert-webdienste/

  4. Da wollte ich auf diese schamlose Eigenwerbung verzichten und dann machst du das einfach. 😉

  5. Die wär keineswegs schamlos gewesen. Sofern es passt, immer rein damit bitte ;-).

  6. Na gut, ich gebe es zu: Zu dem Zeitpunkt war mein Artikel noch gar nicht fertig…

  7. Also ich brauche und will keine Webapps. Und das kommt bestimmt nicht auf meinen Rechner (bzw. wird das erste sein, das runterfliegt, direkt vor Ubuntu One)

    Meine persönlichen Daten landen bestimmt nicht in der Cloud, auch nicht meine E-Mails, noch meine Musik, noch irgendwelche Videos.

    Ich kann nicht verstehen, warum um die Cloud so ein Hype gemacht wird. Sicher ist die „Überallverfügbarkeit“ schon ein bedenkenswerter Aspekt. Aber das die User freiwillig und in Massen ihre Daten an fremde Firmen abgeben, finde ich schon mutig. Ich kann die Vertauenswürdigkeit dieser Firmen jedenfalls nicht einschätzen.

  8. War anfangs der gleichen Meinung, aber ich glaube das auf lange Sicht den Web Apps die Zukunft gehört, wenn mann sieht dass mittlerweile schon Office oder einfache Video Bearbeitungs Programme übers Netz laufen. Trotzdem kommen sie an normale Desktop Anwendungen momentan nicht ran, vor allem wegen der langsamen Internet Leitung die vielerorts noch gibt.

    Auch was die persönlichen Daten betrifft, werden immer mehr Menschen den Cloud Diensten „vertrauen“, weil über kurz oder lang die Vorteile überwiegen werden und dar gehört die Möglichkeit über all an seine Daten zukommen eben darzu. Außerdem gibt es die Möglichkeit seine Daten zu verschlüsseln.

  9. Ich denke, bis jetzt ist ein guter Anfang gemacht und du nennst einige wichtige Punkte in deinem Artikel. Ein Punkt ist mir gerade noch aufgefallen. Hat man eine Web App geöffnet, aber auch ein Browser Fenster mit einigen Tabs und schließt letzteres, können die Tabs nicht mehr für die nächste Session gespeichert werden, um beim Browserstart entsprechend meiner EInstellung geöffnet zu werden. Das stört mich in meinem Workflow ein wenig und vielleicht wird es da ja auch später noch eine Lösung dafür geben.

  10. Es ist weniger Vertrauen, denn eher eine mangelnde Sensibilität. Alle Daten überall kann natürlich bequem sein – aber nicht nur für den Nutzer, sondern auch für den Anbieter, der nach Gutdünken mitlesen kann (siehe Googles Maildienst). Richtig bequem wird es natürlich dann, wenn man mal offline ist – dann hat man viel Zeit zur Entspannung (alternativ kann man sich ja auch schonmal mit etwaigen Vertragsstrafen beschäftigen, wenn man dadurch in seiner Arbeit behindert wird).

    Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller werden seit einiger Zeit regelrecht dazu erzogen, es sei ein Normalzustand, dass sie ihre Daten bereitwillig Dritten überlassen. Fragt man solche Menschen spaßeshalber einmal, ob es ihnen etwas ausmache, einige Plakate zu kleben auf denen ihre Namen, die der Kinder, sowie Adresse und ein paar weitere persönliche Infos gedruckt sind, so sind sie zurecht wenig begeistert von dieser Idee. Dass sie aber teilweise noch viel mehr Informationen im Web verstreuen, ist ihnen jedoch entweder nicht bewusst oder vollkommen egal. Ebenso zeigen sie sich auch wenig erfreut, wenn man mal schnell ihr Mail-Archiv überfliegen möchte – haben aber einen Google-Account.

    Ich bin zwar kein Freund der ständigen Schwarzmalerei, aber wenn weiterhin so unreflektiert weitergemacht wird, pendeln wir bald zwischen Brave New World und 1984, wobei ersteres der heutigen Realität manchmal schon erschreckend nahe kommt.

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