Ich habe mich über dieses Thema hier schon einige Male ausgelassen. Als ich das Internet kennengelernt habe, bestand dieses zu einem sehr großen Teil aus Internet-Foren. In Spezialforen zu allen möglichen Themen kamen unterschiedlichste Menschen zusammen um zu diskutieren. Solche Foren waren eine großartige Quelle von Information und die Plattformen für tiefgehende Diskussionen.

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Dann kamen Facebook und co.

und alles änderte sich. Plötzlich gingen die Besucherzahlen in den jeweiligen Foren zurück, was gleichzeitig dazu führte, dass Diskussionen nicht mehr so belebt geführt werden konnten. Das „Leben“ verlagerte sich in die sozialen Netzwerke, die schon allein wegen des kleinen Kommentarfeldes eher dazu anregten sich kurz und bündig zu halten. Tiefgreifende Diskussionen habe ich dort selten erlebt, und sehr oft kommt es vor, dass Kommentator 6 die fünf Beiträge vorher gar nicht durchliest, sondern einfach darüber springt und seinen Senf dazu gibt.

Die Reaktionen zu gewissen Kommentaren gingen immer mehr in die Richtung „ja, ich stimme dir zu“ oder „nein, das ist vollkommener Blödsinn, ich bin genau anderer Meinung“. Wie folgendes Bild zeigt, werden die meisten Kommentare standardmäßig versteckt, was natürlich notwendig ist, aber dazu führt, dass andere Kommentare häufig gar nicht mehr durchgelesen werden sondern einfach jeder drauf losschreibt, ohne auf andere einzugehen (was für sinnvolle Diskussionen aber unerlässlich ist).

Diskussionskultur in sozialen Netzwerken

Nur die Überschrift gelesen, trotzdem weitergereicht

Heute stieß ich auf einen Artikel, der genau das „zu Papier“ brachte was ich seit langer Zeit schon im Gefühl hatte. Konrad Lischka schreibt in seinem Blog darüber, dass weiterempfohlene Artikel vom Empfehlenden selbst oft gar nicht gelesen werden. Meistens scheinen tatsächlich nur Titel gesehen und, sofern sie mit der eigenen Überzeugung übereinstimmen, weiterempfohlen zu werden, sei es durch Retweets, Gefällt-mir-Angaben, oder ähnliches. Zufällig, wollte ich vor einigen Tagen genau zu diesem Thema ein kleines Experiment starten.

Das Experiment

Ich wollte ausprobieren, inwieweit der oben geschilderte Sachverhalt wirklich zutrifft und startete ein kleines Experiment mit einer meiner Internetseiten. Auf dampf-ablassen.net wollte ich anhand eines sehr kontroversen Themas mit reißerischem Titel herausfinden, inwieweit dieses Verhalten in der Praxis beobachtet werden kann. Folgendes Bild zeigt den Artikel, um den es geht.

Der getestete Artikel (Originalartikel)

Der Artikel selbst war einer vieler Artikel, die auf der entsprechenden Facebook-Seite automatisch verlinkt wurde. Da ich keine Luste habe viel Zeit in den Auftritt meiner Seiten auf sozialen Netzwerken zu stecken, werden neue Beiträge einfach automatisiert dort verlinkt. Das verstehe ich als eine Art Service für interessierte Leser, die auf dem Laufenden bleiben wollen. Ich hüte mich aber dafür, kostenlos Content für Facebook und co. zu produzieren.

Auf jeden Fall: Ich wollte sehen inwieweit der reißerische Artikel ausreicht, „Gefällt mir“-Angaben zu generieren. Da die Reichweite der Seite relativ gering ist, entschied ich mich ein paar Euro in die Hand zu nehmen und den Artikel auf Facebook aktiv zu bewerben. Das Ergebnis (siehe Bild) überraschte mich doch ziemlich.

„Gefällt mir“-Experiment: Das Ergebnis

Die 10 eingesetzten Euros führten dazu, dass der Beitrag knapp 600 Menschen erreichte. Infolgedessen vergaben 44 Personen ein „Gefällt mir“ bei sage und schreibe 2 (zwei!) Klicks auf den Artikel selbst. Im besten Fall haben also genau zwei der 44 Menschen, welche ein „Gefällt mir“ vergeben hatten auch den Artikel gelesen. Nun handelt es sich hier womöglich um ein Extrembeispiel, aber die Zahlen dieser Stichprobe sind doch sehr erschreckend meiner Meinung nach.

Fazit

Als Fazit des kleinen Stichprobenexperiments steht meiner Meinung nach folgendes fest: Es geht für sehr viele Menschen da draußen gar nicht mehr darum an Informationen zu kommen um sich ein Bild der Gesellschaft oder zu einem bestimmten Thema zu machen. Es geht ausschließlich darum Beiträge zu finden, welche in das eigene Weltbild passen um die Mitmenschen dazu zu bewegen, sich auch diesem Weltbild anzuschließen.

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2 Kommentare

  1. Die 599 Personen und 44 Likes können auch Klickfarmen (menschliche oder Bots) gewesen sein.

  2. @corppneq: Das glaube ich weniger. Diese Werbeanzeigen sind Facebooks Kerngeschäft. Die müssen da wohl relativ riguros darauf achten dass da nur echte Menschen gezählt werden. Ansonsten kann es gut sein dass die gröbere Probleme bekommen.

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