Unter meinem Artikel zu Linux Mint 12 wird immer noch heftig diskutiert. Allerdings geht es inzwischen nicht mehr um die Veröffentlichung der Linuxdistribution, sondern viel mehr um eine allgemeine Frage. Da ich die Diskussion recht spannend finde, wollte ich kurz etwas darüber schreiben.
Ich erlaube mir mal einen Teil von Oscars Kommentar zu zitieren:
Ich schrieb doch bereits deutlich, daß ICH keine Experte bin. Ich kann nichts “fixen”, und fast alle Anderen Computer-Nutzer dieser Welt auch nicht. Wenn da 2 % der Leute was “fixen” können, ist das sicher hoch veranschlagt. Wenn du die Befehle kennst, gut für dich. Aber die anderen mindestens 98 % kennen sie nicht, und das wird auch in 20 Jahren nicht anders sein. Dem trägt man bei den meisten Linux-Distributoren allerdings viel zu wenig Rechnung. Die gehen eher davon aus, daß jeder User ein Experte sein müsse, der die ganzen Befehle kennt, also eine Art Abklatsch von sich selbst. Damit hat man aber eindeutig den Boden verlassen, auf dem Linux einmal konzipiert wurde, nämlich als Als Alternative, damit JEDER Zugang zu Computer und Internet haben kann.
Besonders spannend finde ich den letzten Satz. Der Sinn freier Software ist wohl unter anderem der, dass jeder Zugang zur Software hat. Doch die teilweise recht komplizierte Handhabung der Software scheint oft genau das zu verhindern.
Das ist wohl auch der Grund, warum es ein freies Betriebssystem nie geschafft hat, auch nur ansatzweise in den Massenmarkt vorzudringen. Die Software war einfach zu kompliziert. Erst seit einigen Jahren wird dem Argument der guten Benutzbarkeit genug Beachtung geschenkt und auch das nur bei einigen wenigen Projekten.
Gemeinsamkeit zwischen Professor und Programmierer

Ich stelle jetzt mal einen Vergleich an: Ich bin gerade mitten in meinem Studium und möchte einige meiner Professoren mit Programmierern von Software vergleichen. Es gibt Professoren, die wissen, wie man einen Sachverhalt vernünftig erklärt und die wissen, auf welche Probleme die Studierenden stoßen, wenn sie etwas verstehen wollen. Sie können sich also in die Position der jungen Leute hineinversetzen und erklären Dinge so, dass auch komplizierte Sachverhalte halbwegs logisch erscheinen. Und dann gibt es die anderen Professoren: Die sind fachlich sicherlich ähnlich kompetent. Ihr Problem ist allerdings, dass sie nicht wissen, was für einen Unwissenden einfach oder schwierig verständlich ist. Was für einen Experten „logisch“ ist, kann für andere zu großen Verständnisschwierigkeiten führen.
Die Position des Professors wäre in unserem Fall hier die Rolle des Programmierers. Der Programmierer kennt sein Programm – er kennt es wahrscheinlich in und auswendig und weiß, wie es zu bedienen ist – kurz: Er ist der Experte. Nun wird sein Programm aber nicht nur von ihm selbst, sondern auch von vielen anderen benutzt. Deshalb ist es wichtig, dass Software je nach Anwendungsbereich einfach oder sehr einfach zu benutzen ist. Manchmal genügen bereits Kleinigkeiten, um aus einem komplizierten Programm, ein einfaches zu machen.
Der GNOME-Desktop hat sich auf die Fahne geschrieben, nur sehr puristische Einstellungsmöglichkeiten anzubieten. Er nimmt den Nutzer bei der Hand und versucht ihm einen guten Arbeitsablauf vorzugeben. Er stellt den Nutzer nicht vor die Wahl, eine Million Dinge einstellen zu können. Das will der normalerweise gar nicht. Ich bin der Meinung: Ist die Standardkonfiguration gut, braucht man nur wenige Dinge, die man konfigurieren kann. Mir persönlich ist ein gut vorkonfigurierter Desktop wichtiger, als 1.000 Möglichkeiten den Desktop zu verändern – da geht nämlich viel zu viel Zeit verloren. Zeit, die ein normaler Mensch nicht hat bzw. nicht vor dem Computer verbringen will.
Ich bin der Meinung, dass in den letzten Jahren viele Entwickler freier Software versuchen, das Hacker-Image, das freier Software lange anhaftete, loszuwerden. Es soll prinzipiell für den Endanwender und nicht mehr für den Entwickler entwickelt werden. Die Entwicklung hin zu DAU-Software, finde ich persönlich nicht schlecht, auch wenn sie oft kritisiert wird. Freie Software ist nämlich nur dann wirklich frei und universell einsetzbar, wenn sie auch einfach zu bedienen ist. Sonst bleibt sie wieder nur einer kleinen Gruppe an Experten zugänglich.
Auf die nun wahrscheinlich aufkommenden Kommentare à la“Etwas Einarbeitungszeit schadet niemandem“ entgegen zu beugen stelle ich hier mal folgende Aussage hin: Für Interessierte mag die Einarbeitung in ein Programm bzw. die Durchforstung von Wikis ein Hobby sein (man lernt ja was dabei). Für alle anderen Menschen ist ein Computer aber nur Mittel zum Zweck und ein ähnlich großes Hobby wie die Bedienung einer Waschmaschine oder das Innenleben eines Toasters.

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